|
| |||||||||||||
|
Das
Märchen vom edlen Ritter und vom armen Wicht
Oder: Der Vollzug von Haftbefehlen in alter Zeit | |||||||||||||
|
P R O L O G Es
war einmal, vor nicht allzu langer Zeit...
In
einem wunderschönen Häuschen in einer ebensolchen Ansiedlung
lebte ein alter Wurzelzwerg. Er war klein von Wuchs, sein Haupt zierte
ein grauer Vollbart, und er war von aufbrausendem und jähzornigem
Naturell. Er verließ frühmorgens sein wunderschönes
Häuschen, um spätabends nach vollendetem Tagwerke wieder
in den Schutz seines bescheidenen Heimes zurückzukehren. Seine Arbeit bestand darin, mit seinem treuen Drahtesel von einem Wertstoffbehälter zum nächsten zu reiten und unermüdlich die vielfältigen Gegenstände, die achtlose Siedler in das falsche Tönnchen geworfen hatten, herauszufischen und dem richtigen Tönnchen zuzuführen. Im Laufe der Zeit war dies sonderbare Treiben der reichlichen Kinderschar der wunderschönen Ansiedlung nicht verborgen geblieben: Von Neugierde gepackt beschlossen die lieben Kleinen, ihn bei seinem Treiben zu unterstützen. Liebevoll zogen sie den Wurzelzwerg immer wieder an seinem Rocke, um ihn zu necken. Auch versteckten sie ihm hin und wieder sein treues Drahtross. Dies hatte stets zur Folge, dass der zutiefst erboste Wurzelzwerg (sehr zur Freude der Kinder) laut um sich schrie, den Kinderlein mit Holzknüppeln drohte und auch sonst in seinem Zorne wahre Veitstänze aufführte, die bei den verwunderten Siedlern oft Raunen, Kopfschütteln, ja sogar Heiterkeit hervorriefen. Sehr zu seinem Verdrusse nannte man den armen Wurzelzwerg fortan nur noch den "Müllaufklauber"! Noch
mehr verdross es ihn jedoch, dass die Schergen des Königs ein
gar nicht wohlwollendes Auge auf ihn geworfen hatten! Grund dafür
war des alten Wurzelzwerges mindestens ebensoalte Blechkutsche, die
auf einem weiten Platze nahe eines idyllisch gelegenen Schwanensees
(unweit der Ansiedlung), kraftlos dastand und vor sich hinrostete.
Aufgrund der Unfähigkeit des Zwerges, sich um sein liegengebliebenes
Gefährt zu kümmern, belegten ihn die Schergen des Königs
immer wieder mit kleineren und auch größeren Bußgeldern,
deren Begleichung er aber (wohl aufgrund seiner Einfalt) stets versäumte
und letztendlich wohl ganz vergaß. Eines Tages verdunkelte sich das Antlitz des Königs erheblich aufgrund solcher Säumigkeit und er beschloss, andere Saiten aufzuziehen und die Taler zwangsweise einzutreiben. Er ließ all seine Schergen antreten. Und er wusste: "Diese schwierige Aufgabe kann ich nur meinem besten Manne im Hofstaate anvertrauen!" So erwählte er für den Vollzug der Eintreibung den wahrlich besten und edelsten Ritter am Hofe: Nordbert den Gerechten! Nordbert hatte ein ebenmäßiges Antlitz, ein freundliches Naturell, er war von energischem Auftreten und er war (was ihn besonders auszeichnete) stets für derlei Späßchen zu haben. Nordbert bekundete stolz: "Mein König! Noch zur Stunde breche ich auf und bringe den hässlichen Gnom zur Räson!" Eskortiert von seinem treuen Knappen Andritsch gelangte Nordbert zum Verweilort der Rostkutsche. Der alte Wurzelzwerg war zugegen und gerade damit beschäftigt, die vielfältigen Gegenstände, die achtlose Siedler hineingeworfen hatten, herauszufischen und den richtigen Tönnchen des nahen Wertstoffbehälters zuzuführen, als Nordberts wohlklingende Stimme ertönte: "Vermaledeiter Wurzelzwerg! Löhne Deinen säumigen Obolus, oder ich kerkere Dich ein, bis Du verschimmelst!" Der Gnom erschauderte aufgrund dieser trüben Aussichten bis aufs Mark und zog es vor, Land zu gewinnen und lieber Fersengeld zu geben, doch der umsichtige Knappe Andritsch bekam den Säumigen am Wams zu fassen. Zu zweit legten sie ihm die Schandgeige an und verbrachten den pausenlos übelste Beschimpfungen ausstoßenden Gnom in des Königs Kerker. Nordberts
treuer Knappe Andritsch hingegen war aufgrund der vielfältigen
Unflätigkeiten des Wurzelzwerges zutiefst beleidigt und wollte
fortan nichts mehr mit diesem Gotteslästerer zu tun haben. Aber
es kam anders! Der Zwerg war nach Verbüßung seiner gerechten Strafe wieder entlassen worden. Doch bald übergab der König seinem besten und edelsten Ritter Nordbert die Kunde, den Gnom wieder einzukerkern. Noch zur Stunde brachen Nordbert und sein treuer Knappe Andritsch auf. Mit Widerwillen musste der immer noch vom Gnome in der Ehre gekränkte Knappe Andritsch feststellen, dass sein Ritter den alten Wurzelzwerg mit der Nase eines Bluthundes im Hofe des Gotteshauses des Heiligen Bernhard, unweit der wunderschönen Ansiedlung, aufspürte. Der Ahnungslose war gerade dabei, die vielfältigen Gegenstände, die achtlose Siedler in den Kirchhof geschmissen hatten, aufzufischen, um sie den ebenso vielfältigen Sammeltönnchen des Pfarrers zuzuführen, welcher sie wiederum zur Speisung der Armen benötigte (Die Gegenstände nicht die Tönnchen!). Nordberts wohltönende Stimme erklärte: "Du widerlicher Wicht! Zehn Goldstücke, oder Du schmorst im Loche, bis Dich die Ratten auffressen!" Wiederum erschrak der Gnom. Doch dieses Mal fuchtelte er in seiner Not nur mit einem Besenstiele herum, anstatt zu flüchten. Sein Mund spie nie gehörte Flüche. Und seine kurzen Beinchen steppten einen sehenswerten Veitstanz. Durch
den heidnischen Tumult aus seiner Andacht gerissen erschien der ansässige
Gottesmann und beglich nach kurzer Sichtung der Lage den geforderten
Obolus aus Gemeindegeldern, da er der Meinung war, der alte Wurzelzwerg
sei wohl ein armes, vom rechten Wege abgekommenes Schäflein,
dessen Seele er retten müsse. Das überaus dankbare Schäflein
bedachte daraufhin Ritter, Knappe, Gottesmann und dessen neugierige,
aus dem Pfarreifenster blickende Haushälterin mit überaus
unfeinen Worten und entfernte sich grollend. Es kehrte eine friedliche Zeit ein, die jedoch nicht lange währte: Der König gab dem edlen Nordbert erneut den Auftrag, den Kerl zu fassen, da ein weiterer Obolus nicht entrichtet worden war! Noch zur Stunde brach Nordbert auf, eskortiert von Freiherr Vogt zu Holgberg, der sich als Ersatz für den immer noch beleidigten, ehemals treuen Knappen Andritsch angeboten hatte, den Schuldner seiner gerechten Strafe zuzuführen. Des Nächtens lauerten die zu allem entschlossenen Fänger dem Unglücklichen just an dem Pfade auf, der vom Rostkutschenabstellplatz zu seinem wunderschönen Häuschen führt. Und siehe da! Wahrhaftig näherte sich der alte Wurzelzwerg, auf seinem mindestens ebenso alten Drahtesel reitend. Nordbert sprang aus der Deckung auf den Pfad, und seine wohlklingende Stimme ertönte: "Halt ein, verwachsener Greis! 50 Taler, und Du darfst passieren! Ansonsten kannst Du Dich auf Zuchthaus einstellen, bis Du schwarz bist!" Sichtlich beeindruckt von den harschen Worten des edlen Ritters begann der alte Zwerg, in den zahllosen Plastiksäckchen, die er an seinem Drahtesel befestigt hatte, herumzuwühlen, um die Taler aufzutreiben. Die Säckchen trugen übrigens die Wappen der Burg Penny, der Festung Lidl, und des Lustschlösschens Aldi. Doch heraus kamen nur vielfältige Gegenstände, die achtlose Siedler in die falschen Tönnchen der überall herumstehenden Wertstoffbehälter geworfen hatten. Der pfiffige Gnom hatte wohl vorgehabt, sie in Heimarbeit sorgfältig zu trennen. Er
musste jedoch entsetzt feststellen, keinen einzigen Heller mitzuführen...
Ritter Nordbert und sein treuer Begleiter Freiherr Vogt zu Holgberg
machten sich nichts aus dem Dauerfeuer der folgenden Verwünschungen
und verbrachten den Giftzwerg unbeeindruckt in des Königs Kerker. Es kehrte wiederum eine friedliche Zeit ein, die jedoch nicht lange währte: Da dem König zu langweilig war gab er an Ritter Nordbert den Gerechten die Order aus, zur Abwechslung doch mal dem alten Wurzelzwerg nachzustellen, da er schon wieder eines Bußgeldes säumig war. Der
wackere Recke ließ sich dies nicht zweimal sagen und Und schon griff Nordbert zu einer List und ließ seine wohlklingende Stimme ertönen: "Öffnet, ehrenwerter Herr! Hier ist der Postkurier mit einem wichtigen Einschreiben der sozialamtlichen Palastabteilung!" Sogleich erhob sich hinterm Türblatt die aufbrausende und jähzornige Stimme des alten Wurzelzwerges: "Das ist Lüge! Ich erwarte keinerlei Palastpost! Und... diese Stimme! Ich kenne Euch, Ihr seid kein Postkurier, nein, Ihr seid dieser lästige Ritter Nordbert! Warum tut Ihr mir das an?" Die daraufhin einsetzenden Beleidigungen konnten durch Nordberts energisches Treten gegen die Türe zum Verstummen gebracht werden. Er und sein treuer Gehilfe Ali Pö besannen sich, eine neue Taktik zu ergreifen: AUSHUNGERN! Als dann der aufgrund der plötzlichen Ruhe neugierig gewordene Gartenzwerg nach kurzer Zeit und zu seinen Ungunsten die Türe öffnete, um davor nach dem Rechten zu sehen, ward es um ihn geschehen. Trotz verbaler Flegeleien konnte er sich dem eisernen Würgegriff der Schergen nicht erwehren. Der arme Wicht fand sich kurz darauf in des Königs Kerker ein, da die geforderten 700 Taler sein Pfandflaschenbudget doch erheblich überstiegen hatten. Die
Tage gingen ins Land, auf Sommer folgte Winter, auf Winter folgte
Sommer. Der Gnom durfte wieder ungesiebte Luft genießen, und
es kam, was kommen musste... Nordbert, der Ritter von edlem Blute und Verfechter der Gerechtigkeit, brach noch zur Stunde auf, um dem erneut säumigen Wurzelzwerg erneut nachzustellen. Er brach so überstürzt auf, dass er auf Begleitung verzichtete. Seine unerbittliche Suche führte ihn zum weiten Platze nahe des idyllisch gelegenen Schwanensees, als er eine ihm wohlbekannte Gestalt erblickte. Da! Was war das? Die Gestalt winkte ihm wohlwollend zu! Es war der Wurzelzwerg! Und er hatte wohl endlich begriffen, wer sein Herr war - denn er winkte seinem persönlichen Fänger zu! Bloß wusste der Zwerg in diesem Moment noch nicht, was er für eine große Dummheit begangen hatte, indem er sich bemerkbar gemacht hatte. Nordbert
näherte sich und grüßte höflich. Ebenso höflich
antwortete der Wicht: "Edler Herr! Zwischen all den vielfältigen
Gegenständen, die die achtlosen Siedler hier in der Gegend herumgeschmissen
hatten, fand ich diese wunderschöne Tasche mit 2 leeren Pfandflaschen.
Ich bitte Euch, überreicht sie in meinem Namen der fundamtlichen
Palastabteilung!" Das reichte! Nordbert versagte aufgrund dieser
frechen Anmaßung seine wohlklingende Stimme und er ergriff den
armen Kerl am Schlawittchen und warf ihn ohne weitere Umschweife in
des Königs Kerker. Doch wie das Schicksal so spielt: Einmal noch sollten sich die verschlungenen Wege des aufsässigen Gartenzwerges und des gerechten Ritters kreuzen. Es begab sich, dass des Königs neuer Befehl an Nordbert lautete: Säumigen Gnom einsperren! Noch zur Stunde war der vom Jagdfieber besessene Ritter alleine aufgebrochen, um dem Gnome habhaft zu werden. Nordbert ahnte wohl, dass sich dieser wohl wieder im Hofe des Gotteshauses des Heiligen Bernhard aufhalten würde... Der alte Wurzelzwerg war tatsächlich zugegen und gerade damit beschäftigt, die vielfältigen Gegenstände, die achtlose Siedler in den Kirchhof des Gotteshauses des Heiligen Bernhard geschmissen hatten, herauszufischen, um sie den ebenso vielfältigen Sammeltönnchen des Pfarrers zuzuführen. Nordberts
wohlklingende Stimme ertönte: "He, alte Kuh! 60 Doch
der Mann Gottes hatte ein großes Herz und beglich den geforderten
Obolus aus der Gemeindekasse. Er nuschelte noch etwas von "vom
rechten Wege abgekommenes Schäflein, dessen Seele er retten müsse"
oder ähnliches für Ritter Nordbert Unverständliches.
Doch dieser verließ dann nach vollbrachtem Tagwerk und mit 60
Talern in seinem Säcklein diesen göttlichen Ort der Heimsuchung,
hinter sich einen alten, auf Pfarrer, Ritter und Haushälterin
schimpfenden Wurzelzwerg zurücklassend. In einem wunderschönen Häuschen in einer ebensolchen Ansiedlung lebt immer noch ein alter Wurzelzwerg. Solange der König dem edlen und gerechten Ritter Nordbert keine neue Order erteilt, wird das auch so bleiben. Und wenn sie alle nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. | |||||||||||||
|
©
nobsi 2001
| |||||||||||||
| |||||||||||||